Reportage, Deutschlandfunk / BR / Stern, 2018

Vernissagen im Kongo

Mitten im Chaos des Kongo organisieren Künstler eine Biennale.
Gegen alle Widerstände – und mit großem Erfolg

(gekürzte Versionen veröffentlicht in Bayrischer Rundfunk, Deutschlandfunk und Stern)

Auf einer Straße in Lubumbashi, einer Bergbau-Stadt im Süden der Demokratischen Republik Kongo. Sara Mukadi staut den Feierabendverkehr auf. Die Minibusse schlängeln sich zweispurig an ihr vorbei. Die 23-Jährige und ihre Tänzer bewegen sich zu basslastiger Musik und bemalen sich großflächig mit Farbe. Im Staub am Rand, ein kleines Bretterkiosk mit Keksen und Getränken.

O-Ton Sarah
Kunst bedeutet für mich Freiheit, die Freiheit sich ausdrücken zu können. Wenn ich einfach das Mikro nehmen würde, um meine Wut herauszuschreien, dass sich etwas ändert hier, mir würde niemand zuhören. Aber beim Tanzen schauen mir die Leute zu. Ich kann fast alles sagen und machen, was ich will.

Ihr Tanz heute erzählt vom Leid und von der Stärke einer Gruppe afrikanischer Frauen von Lubumbashi. In der Kolonialzeit protestierten sie nackt in einer Demonstration gegen ständige Demütigungen, Vergewaltigungen und Rassentrennung. Diesen Widerstand zeigt Sara Mukadi in ihren Bewegungen. Entgeisterte und begeisterte Gesichter blicken auf die Mutter von zwei kleinen Kindern. Ihre langen dünn geflochtenen Zöpfe schwingen durch die Luft.

O-Ton Sarah
Die Frau in der Zeit damals war sehr stark. Sie hatte eine Vision. Sie war mutig trotz ihrer Angst. Die Frauen haben ihr Leben riskiert, um diese Demonstration zu machen. Die Frau von heute ist anders. Alles dreht sich nur ums Aussehen, um ihre Familie, um sich selbst.

Sarahs Tanztheater auf der Straße eröffnet die Biennale von Lubumbashi. Das internationale Festival aus Kunst, Konzerten und Filmvorführungen ist ein Happening in der Millionenstadt, die kein Kino hat und die ihr einziges Theater in ein Parlamentsgebäude umgewandelt hat. Das Festival ist eine bestaunenswerte Absonderlichkeit in dem Land, das zu den korruptesten und kaputtesten der Welt zählt. Mehr als 70 Prozent leben in extremer Armut, immer wieder bekriegen sich die verschiedenen Rebellengruppen in tödlichen Scharmützeln, sie vergewaltigen und brandschatzen. Knapp vier Millionen Kongolesen sind im eigenen Land auf der Flucht.

O-Ton Sarah
Es war meine erste Aufführung. Es war nicht einfach. Die Geschichte, die ich erzählen wollte, ist die Geschichte unseres Landes. Ich habe mich gefragt, ob es den Menschen gefallen wird, ob ich meine Botschaft rüber bringen kann. Wird es sie ins Herz treffen? Wird es ihnen weh tun oder sie stören? Am Ende war ich zufrieden. Ich musste den Menschen gar nicht viel erklären, ich denke sie haben fast alles verstanden.

Lubumbashi liegt im Süden des Kongo. In der Provinz Katanga. Eine Bergbauregion. Kupfer, Gold und Kobalt holen sie hier aus der Erde. Millionen werden hier umgesetzt, richtig großes Geld verdient. Doch die Bevölkerung ist arm. Die Minenarbeiter erhalten nur einen Hungerlohn, leben in schäbigen Hütten. Den Reibach machen internationale Konzerne und korrupte Politiker, indem Bergbau-Konzessionen unter Wert verkauft werden. Allein von 2010 bis 2012 soll der Kongo dadurch ungefähr 1,4 Milliarden Dollar verloren haben, schätzt die NGO Global Witness. Das ist doppelt so viel wie das Bildungs- und Gesundheitsbudget des Landes zusammengerechnet.
Die Idee ausgerechnet hier ein Kunstfestival auf die Beine zu stellen hatte der Fotograf Sammy Baloji vor zehn Jahren. Eine Herausforderung in einem Land ohne funktionierende Infrastruktur und Meinungsfreiheit, dafür mit ständigen Stromausfällen und extrem langsamen und seltenen Internet.

O-Ton Sammy
Hier gibt es einfach nichts, also müssen wir alles selbst machen. Es gibt keine richtige Druckerei, keine Rahmenbauer. Es ist einfach ein Alptraum. Aber ich glaube, es ist wirklich wichtig die Biennale hier in Lubumbashi zu machen. Ich glaube an Kunst. Ja, ich glaube, wir brauchen sie. Seit dem Anbeginn der Menschheit.

Wenn Sammy von der Kunst spricht, klingt es wie wenn andere von Gott sprechen: von Erleuchtung, Erkenntnis und Hilfe in der Not. Und vielleicht braucht deshalb besonders der Kongo diese Kunst. Der Kongo, den erst der belgische König Leopold II. ausbeutete, dann Belgien und später nach der Unabhängigkeit 1960 die verschiedenen afrikanischen Machthaber.
Momentan hält der aktuelle Präsident Kabila illegalerweise an seinem Stuhl fest. Er richtet einfach keine Neuwahlen aus wie von der Verfassung eigentlich schon für Ende 2016 vorgeschrieben. Frieden kennt der Kongo schon mindestens seit Leopold dem II. nicht mehr. Also seit 1885. Millionen Menschen sind unter der Kolonialherrschaft und in den verschiedenen Kriegen danach ums Leben gekommen. Wie viele genau, weiß niemand.
Der Tanz von Sarah Mukadi hilft ihr, der grausamen Geschichte ihres Landes zu entfliehen – und sie gleichzeitig zu erzählen.

O-Ton Sara
Es geht darum, Grenzen zu überwinden. Vor der Unabhängigkeit war die einheimische, die schwarze Bevölkerung in Lagern untergebracht. Unsere Stadt war eine Stadt unserer Kolonisatoren, sie wollten keine Mischung der Farben, also bauten sie Krankenhäuser, Gefängnisse und Kirchen in den Camps, damit die Schwarzen, wenn sie krank wurden, bei sich in den Camps behandelt werden konnten. Aber wenn ihnen danach war, kamen die Kolonisatoren in die Lager der Schwarzen um „Spaß“ mit den Frauen zu haben. Eines Tages entschieden die Frauen dann, einen nackten Protestmarsch zu organisieren. Vorher ist kaum jemand in die Städte der Weißen gekommen. Also haben sie es unbekleidet versucht und es hat geklappt.

Seit einigen Jahren ist Sarah bei der Künstlergruppe Picha. Der Fotograf und Biennale-Initiator Sammy Baloji hat sie zusammen mit Freunden gegründet, um einen alternativen Ort im Chaos des Kongo zu schaffen, um zu diskutieren, Mut zu machen. Picha, der Name, heißt Bild auf Suaheli. Gemeinsam organisieren sie die Biennale.

Im Museum von Lubumbashi laufen die letzten Vorbereitungen. In vier Stunden soll die erste Ausstellung hier eröffnet werden. Von außen nagt das Wetter am Beton des grauen Klotzes – drinnen zehrt die fehlende Zeit an den Nerven. Sammy Balojis Smartphone klingelt unentwegt. Sechs Wochen soll das internationale Festival diesmal dauern. Noch werkeln Dutzende Helfer überall in der der Stadt, verkabeln Beamer und Boxen, chauffieren die 30 internationalen Künstler über chaotische Straßen oder bauen aus Plastikflaschen eine Palmenlandschaft auf einer Verkehrsinsel.

O-Ton Sammy
Es geht nicht nur darum Kunst zu zeigen, weil sie schön ist. Da ist schon auch Kritik am System dabei. An dem System, das wir hier haben.

Doch nun ist im Museum, dem Herzen des Festivals, der Strom für die Musikprobe ausgefallen, die Speicherkarten für die Videoinstallation sind viel zu klein, die Bilder eines Fotografen wiederum
sind zu groß für die vorgesehene Wand. Eine europäische Künstlerin ist krank, das Gerücht Malaria geht um. Im vergangenen Sommer noch hat Sammy auf der Documenta in Athen ausgestellt. Jetzt sitzt er auf einem Plastikstuhl im schwülheißen Kongo und reibt sich die Stirn. Fragt man ihn, warum er das hier alles macht, sieht er einen entgeistert an.

O-Ton Sammy
Warum nicht? Ja, warum nicht? Weil ich ein Künstler bin. Das ist die einzige Art wie ich existieren kann. Ich seh mich nicht wie ich Essen verteile (Telefonklingeln) oder sonst was mache.

Und mit dieser Kunst sind er, der mittlerweile in Brüssel lebt, und seine Kollegen der Gruppe Picha ziemlich erfolgreich. Im kongolesischen Dreiklang aus Krieg, Armut und Korruption, wagen sie es Visionen zu haben und vorsichtig zu kritisieren. International bekannte Künstler bringen ihre Werke nach Lubumbashi, die Kongolesen wiederum werden zu Ausstellungen nach New York, Brüssel, Moskau und Johannesburg eingeladen. Sammy beschäftigt sich in seinen Arbeiten hauptsächlich mit den Auswirkungen der Kolonialgeschichte auf den Kongo von heute.

O-Ton Sammy
Ich weiß, was der Bergbau hier bedeutet hat und dass er immer noch eine wichtige Rolle spielt. Nicht nur hier, sondern auf dem internationalen Markt. Aber gleichzeitig kann man hier die Armut überall sehen, man kann sehen, wie die Leute leiden. Man kann die Ungerechtigkeit spüren. Man kann sogar den Reichtum spüren und die Rassentrennung. Ich spüre das alles extrem und das ist, was ich in meiner Arbeit behandle, denn es ist Teil meiner Umgebung.

In seinem bekanntesten Werk hat Sammy auf aktuelle Fotos von den Kupfer- und Goldminen um Lubumbashi herum alte Fotografien von Arbeitssklaven aus der Kolonialzeit gelegt.

O-Ton Sammy
Diese neue Gemeinschaft, diese kapitalistische Gemeinschaft, in der es nur darum geht Geld aufzutreiben, indem man Rohstoffe abbaut. Und wenn du hier durch die Straßen läufst, siehst du wie alle nur schauen, wie sie Essen auftreiben können. Und Essen gibt es für Geld. So kannst du diese Stadt lesen. Wie viel Platz wird der Kultur eingeräumt? Keiner. Alles kostet.)) Die Regierung kümmert sich um nichts. Wir sind also auf eine gewisse Art noch immer in dem Kongo, den Leopold der II. geformt hat. Es geht darum, wer die Macht hat, und wer keine Macht hat. Darum, wer die Regeln bestimmt und wer diesen Regeln zu gehorchen hat.

Im Eingangsbereich des Museums hilft Cédrick Nzolo seinem Freund und Kollegen Pathy Tshindele dessen Installation rechtzeitig fertig aufzustellen: drei große bunte Quader auf Metallkreuzen. Untendrunter Sägespäne. Von oben schaut ihnen Präsident Kabila aus einem gerahmten Gemälde heraus zu. Pathy amüsiert das.

O-Ton Pathy
Ja, ja Kabila. Ich habe ihn gefragt, ob das hier ok ist. Er hat gesagt: Nicht schlecht, nicht schlecht.

Beide Künstler sind aus der Hauptstadt Kinshasa angereist. Cedrick ist Fotograf. Seine Bilder hängen schon, bereit für die Eröffnung. Der kleine, drahtige Mann würde den Kongo nie verlassen, sagt er.

O-Ton Cedrick
Ich glaube, jeder muss da seine Entscheidung treffen. Und ich respektiere da jede Entscheidung. Ich komme ab und zu aus dem Kongo und sehe, was draußen so passiert. Dann komme ich wieder zurück. Denn hier muss sich etwas entwickeln. Aber welche Leute würden denn bleiben, wenn alle gehen, die gehen können? Es ist wichtig, dass einige Leute sich dafür entscheiden hier zu bleiben. Wir brauchen ein Gemeinschaftsgefühl hier und Leute, die diese Vision verstehen. Wenn du nicht bleibst, dann bleiben nur die anderen. Wenn du nicht deinen Mund auf machst, dann machen das die anderen. Wenn du dich dafür entscheidest, nicht zu reden, entscheidest du dich dafür nichts zu tun.

Die Aufgabe der Künstler sei es Visionen zu haben, Fenster in andere Welten und Vorstellungen zu öffnen, sagt Cedrick. Die Menschen im Kongo hätten da ein sehr genaues Gefühl entwickelt, was noch sagbar ist und was unter dem repressiven Regime gefährlich wird. Er zum Beispiel zeigt Fotos aus den kongolesischen Nächten ohne Elektrizität. Oft fällt in dem Land der Strom aus, in manchen Gegenden gibt es gar keinen. Dann behelfen sich die Menschen mit Öllampen und Kerzen. Seine Bilder wirken wie aus einer anderen Epoche, spielen aber trotzdem im jetzt.

O-Ton Cedrick
Der Kongo ist ein ganz spezielles Land. Es ist sehr schwer zu sagen, was in der Zukunft passiert. Denn jeden Tag passiert irgendetwas. Du wachst auf und plötzlich sind die Dinge ganz anders. Zum Beispiel ist das Geld total entwertet. Aber wir kennen das und wir leben damit. Dann sagt man, ok, heute kann ich das und das haben, ich weiß nicht, ob ich es morgen noch kann. Ich arbeite mit allem, was so kommt. Das ist eine Einstellungssache. Und wenn du diese Einstellung nicht hast, dann kannst du nicht hier leben.

Ein paar Kilometer weiter im Institute Francais, dem französischen Pendant zum Goethe-Institut, prüft Georges Senga die Lautsprecher- und Lichtanlage. Am Abend soll es in einem improvisierten Open Air Kino im Innenhof einen angolanischen Film über den Unabhängigkeitskampf geben. Georges ist ebenfalls Fotograf und gehört zur Gruppe Picha. Auch seine Bilder waren schon international ausgestellt, auch er kritisiert zwischen den Zeilen. Zum Beispiel hat er Fotos von Kindern mit Spielzeugwaffen neben die Tagebuchnotizen eines echten Kindersoldaten gestellt. Im Kongo gibt es noch immer Tausende von ihnen. Kadogo heißt die Serie, „Kindersoldat“ auf Suaheli.

O-Ton Georges
Die Politik im Kongo ist wie überall in Afrika ziemlich seltsam und schwer zu verstehen. Wir haben Leute, die die Macht lieben, weil sie Interessen haben. Und wir haben Leute, die die Macht lieben, weil sie andere Leute leiden sehen wollen. Für mich ist die Situation ziemlich hart zu ertragen. Die Opposition, die Wahlen, die es schon seit einem Jahr hätte geben sollen aber es gibt sie nicht. Das beschäftigt mich sehr.

In seinen Fotos kann der 34jährige Georges Senga nicht alles thematisieren.

O-Ton Georges
Selbst wenn ich über manches am liebsten laut schreien möchte, kann ich das nicht tun. Für die Leute an der Macht wäre ich dann ein rotes Tuch. Das beschäftigt mich, auch moralisch. Denn ich kann nicht alle Themen behandeln, die ich gerne behandeln möchte. Nicht nur wegen dem, was momentan im Land passiert. In meiner Arbeit stelle ich Erinnerung und Identität in Frage. Wenn ich versuche, über das zu sprechen, was vor vielen Jahren passiert ist, bis zurück zur Kolonialzeit, versteht das nicht jeder. Dann sagen manche, ich stelle die Gegenwart in Frage oder die Zukunft.

Das Fotografieren hat Georges sich größtenteils selbst beigebracht. Er hat Wirtschaft und Sprachwissenschaften studiert, weil Kunst im Krieg nicht möglich war. Zu Georges‘ erster Ausstellung kam der Gouverneur der Provinz und auch sein Vater, ein Lehrer. Der hatte Tränen in den Augen und meinte, er verstünde nun endlich, was sein Sohn überhaupt mache, erinnert sich Georges. Seine Großmutter würde das immer noch nicht so richtig begreifen. Neulich hätte sie ihn ganz misstrauisch gefragt, warum ihn die Weißen denn bitteschön nach Europa einladen? Hätten die etwa keine Fotografen dort?

O-Ton Georges
Die Kunst hier im Kongo ist nicht primitiv, nein. Aber leider sind die Leute hier nicht sonderlich an Kunst interessiert. Wir machen sie aber trotzdem. Und selbst wenn wir keinen Strom haben, drucken wir irgendwie die Fotos aus und bringen sie auf die Straße. Und wenn wir keine Möglichkeit haben, Fotos zu drucken, dann machen wir Gemälde und Installationen. Wir wollen uns von der Situation hier in der Stadt nicht beeinflussen lassen. „Das gibt es nicht und das gibt es nicht.“ Wir machen die Biennale trotzdem! Wir werden immer einen Weg finden.

Das amerikanische Lebensmantra vom Alles-ist-möglich klingt in Afrika, erst recht im Kongo wie eine Beschwörungsformel. Die guten Geister sollen helfen, die bösen sollen verschwinden.

Kurze Pause in einem Straßenrestaurant. Ein paar Mitstreiter der Biennale gönnen sich ein Bier auf Plastikstühlen. Neben ihnen ein Vier-Quadratmeter-Grill, direkt an der Straße. Das rohe Fleisch hängt in der Hitze. Dazu gibt es Fufu – Klöse aus Maniokmehl – und afrikanischen Spinat. Selbst Rosemary Tshabinene erlaubt sich eine Pause. Sie ist seit der Gründung von Picha dabei. Fast zehn Jahre sind das jetzt. Ohne sie würde hier gar nichts funktionieren, beteuern Künstler wie Helfer. In einem ausgeklügelten System aus Excel-Tabellen und Notizzetteln verwaltet Rosemary die Ankunftszeiten der Gäste, die Fördermittel aus dem Ausland, die Zollbestimmungen, Hotelbuchungen, Kabel und USB-Sticks der Gruppe Picha. Sie hat Mathematik und Statistik studiert.

O-Ton Rosemary
Kunst ist wichtig! Jeder denkt, Kunst ist nur dafür da, um schön zu sein, nur für die Leute die Geld haben. Aber sie müssen verstehen, Kunst ist auch eine Art miteinander zu reden, eine Botschaft zu verbreiten, Leute zum nachdenken anzuregen. Das Biennale-Motto in diesem Jahr ist Eblouissement, also Glanz, Erleuchten aber auch Blenden. Eblouissement kann unsere Orientierung im Leben verändern. ((Manche Leute denken, du kannst Kunst nur sehen, wenn du Geld hast, wenn du dir keine Gedanken über das Essen am nächsten Tag machen musst, aber für mich ist es auch eine Art, die Probleme, die man so hat im Leben, mit anderen Augen zu betrachten. Künstler können dir eine Botschaft aus einer anderen Perspektive geben.))

Manchmal wünscht sie sich aber, die Künstler und die Biennale wären noch mutiger in ihren Botschaften.

O-Ton Rosemary
Wir brauchen Künstler, die den nötigen Mut haben. Aber es gibt nicht viele solcher Künstler. Wir versuchen sie dazu zu ermuntern. Aber es ist für uns sehr gefährlich. Auch mit der politischen Opposition zusammen zu arbeiten ist gefährlich. Jeder fürchtet um sein Leben, aber gleichzeitig versuchen wir zu kritisieren, aber nicht direkt. Wie zum Beispiel die Ausstellung von Zemba Luzamba. So kann man hier über Politik sprechen. Wenn wir also die Möglichkeit haben, machen wir das. Aber nur so, dass wir nicht das Leben der Künstler damit in Gefahr bringen.

Die Ausstellung von Zemba Luzamba zeigt Gemälde, auf denen schwarze Männer andere schwarze Männer an Marionetten-Fäden halten. Oder einen schwarzen Mann im Superman-T-Shirt, der sich eine Krone aufsetzt. Man kann es als Kritk an den afrikanischen Machthabern ansehen, oder aber als amüsante Plänkelei. Zemba Luzamba lebt sicherheitshalber trotzdem lieber in Südafrika. Seine Bilder machen Rosemary Mut, vielleicht ändere sich ja doch noch etwas in diesem kaputten Land, sagt sie.

O-Ton Rosemary
Die Situation im Land ist wirklich schwierig. Das kann nicht allein von der Kultur gelöst werden. Aber den positiven Aspekt, den Kunst und Kultur dazu beitragen können, ist, alle zusammen zu bringen. Denn viele Kriege beginnen mit den Unterschieden und Differenzen.

Sie meint Momente wie diese: Livingston, ein stadtbekannter Musiker und Rastafari sitzt mit der polnischen Performance-Künstlerin Anna Zaradny nach der Filmvorführung im Foyer. Sie singen von der Freiheit. Livingston mit Bob Marley, Anna mit Monserat Caballe
Draußen fällt der erste leichte Regen der Regenzeit. Als hätte er extra respektvoll gewartet, setzte er erst mit dem Abspann des angolanischen Films ein. Georges bringt die Technik in Sicherheit.

O-Ton Georges
Ich hoffe, dass sich die Regionalregierung eines Tages hierfür interessiert und dass sie uns unterstützt. Denn wir haben das Festival nicht die Biennale von Georges Senga genannt, oder die Biennale von Sammy Baloji, oder von Rosa oder von Alex oder alle Mitglieder von Picha. Wir nennen sie die Biennale von Lubumbashi, von der Stadt. Eigentlich machen wir hier ja Werbung für die Stadt. Wenn du ins Internet gehst und Lubumbashi und Kunst eingibst, kommt die Biennale. Also eigentlich müssten die uns unterstützen. So: aha, ok, die machen hier Kunst, laden Leute ein, geben der Stadt ein neues Image. Also eigentlich müssten die zu UNS kommen und uns fragen, ob wir irgendwas brauchen oder ob sie uns irgendwie helfen können.

Aber das tun sie nicht. Die Biennale ist allein durch ausländische Institutionen finanziert und wird mit viel ehrenamtlicher Arbeit realisiert. Keiner der geladenen Politiker kam zur Eröffnung oder hat sonst sonderliches Interesse gezeigt. Keine Zeit, kein Geld, heißt es. Aber natürlich, Kunst sei wichtig, das sagen sie auch die Politiker. Zum Beispiel Patrick Thierry André Kakwata, Abgeordneter im Parlament und Mitglied von Kabilas Partei, der Volkspartei für Wiederaufbau und Demokratie, die seit mehr als zehn Jahren an der Macht ist.

O-Ton Kakwata
Kunst und Kultur repräsentieren die Zivilisation und Identität eines Volkes, eines Landes. Sie spielen eine sehr wichtige Rolle in der Demokratischen Republik Kongo. Sie stehen für sozialen Wandel. Musik zum Beispiel kann eine Botschaft vermitteln. Kultur und Kunst tragen außerdem zur Wirtschaft eines Landes bei. In der Demokratischen Republik Kongo bisher lediglich zur informellen Wirtschaft. Wir müssen uns also mehr bemühen, einen Beitrag zur Wirtschaft zu leisten, Arbeitsplätze zu schaffen. Und dann sind Kunst und Kultur noch wichtige Faktoren für den sozialen Zusammenhalt. Das sollten wir langsam verstehen. Sie können die soziale Spaltung verhindern.

Der Politiker verwendet wohlwollende, salbungsvolle Worte, wenn er von Kunst spricht. Es sind fast die selben Worte und Argumente, die die Künstler selbst verwenden. Doch am Ende machen die Künstler die Kunst und die Politiker schauen nicht einmal hin.

Ende: La libertad und Freedom von Anna und Livingston.

Radiofeature, WDR / NDR, 2015

Das System Weltbank

Das Radio-Feature erzählt die Geschichte hinter der Analyse von über 6.600 offiziellen Dokumenten der Weltbank durch das ICIJ, ein internationales Netzwerk investigativer Journalisten, zu dem in Deutschland NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung gehören. Das Ergebnis der Recherche: Die Weltbank schadet immer wieder systematisch Menschen, denen sie eigentlich helfen sollte. Deutschland ist der viertgrößte Anteilseigner der UN-Sonderorganisation und damit ziemlich mächtig. Wir trafen Vertriebene in Honduras und Äthiopien, sprachen mit deutschen Politikern und internationalen NGOs.

Radiobeitrag, WDR, 2013

Myanmar Goes Democrazy

Schöne, neue Welt? Nach 50 Jahren Isolation und Militärdiktatur bricht auf einmal die Freiheit über Myanmar herein. Die Militärdiktatur hat sich 2010 selbst abgeschafft und öffnet das Land seitdem stetig: Meinungsfreiheit, Reisefreiheit und freie Wahlen, freies Internet. Selbst die Widerstandskämpferin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sitzt mittlerweile im Parlament statt im Hausarrest. Und vor kurzem wurden die ersten privaten Tageszeitungen seit 50 Jahren zugelassen. Der Wandel passiert in einem Tempo, als würde das ostasiatische Land im Stechschritt durch Kriegsende, Wirtschaftswunder und 68er-Revolution marschieren wollen.

Was macht die junge Generation aus diesem Umbruch? Wie ist es, plötzlich unvermittelt mit der Welt verbunden zu sein, durch Smartphones, Facebook, westliche Filme und Musik? Und wie frei sind sie wirklich?